Beurteilung – wenn aus anders schnell falsch wird
Kurze Impulse für den Alltag – Impuls #6
Beurteilung
Unser Alltag steckt voller kleiner Momente, Gedanken und Begegnungen. Mit meiner Serie „Kurze Impulse für den Alltag“ möchte ich kleine Denkanstöße geben, die dazu einladen, genauer hinzuschauen, Gewohntes zu hinterfragen und neue Perspektiven zu entdecken.

Wir beurteilen ständig. Situationen, Informationen, Entscheidungen – und natürlich auch andere Menschen. Oft geschieht das ganz automatisch.
Eine Aussage erscheint uns unlogisch. Eine Entscheidung können wir nicht nachvollziehen. Jemand verhält sich anders, als wir es selbst tun würden. Und schnell entsteht ein Urteil: Das ist falsch.
Doch was bedeutet „falsch“ eigentlich?
Falsch – aus wessen Sicht?
Natürlich gibt es Dinge, die sachlich falsch sein können. Eine Information kann nachweislich nicht stimmen, eine Rechnung kann ein falsches Ergebnis haben oder eine Annahme kann durch neue Erkenntnisse widerlegt werden.
Bei Meinungen, Überzeugungen und Verhaltensweisen ist die Sache häufig weniger eindeutig.
Wir betrachten die Welt nicht vollkommen neutral. Erfahrungen, Wissen, Werte, Erwartungen und das eigene Umfeld beeinflussen, wie wir Situationen einordnen. Was für einen Menschen selbstverständlich erscheint, kann für einen anderen kaum nachvollziehbar sein.
Manchmal bedeutet „Das ist falsch“ deshalb eigentlich eher: „Das passt nicht zu meiner Sicht auf die Welt.“
Diese Unterscheidung kann einen großen Unterschied machen.
Wie fühlt sich „falsch“ auf der anderen Seite an?
Interessant wird es, wenn wir die Perspektive einmal wechseln.
Wir selbst haben wahrscheinlich auch schon erlebt, dass jemand unsere Meinung, unsere Entscheidung oder unser Verhalten mit einem schnellen „Das ist doch falsch“ kommentiert hat.
Selbst wenn die andere Person gute Argumente dafür hat, fühlt sich diese Form der Beurteilung häufig wenig wertschätzend an. Nicht unbedingt, weil wir erwarten, dass andere unserer Meinung sind. Sondern weil ein schnelles Urteil wenig Raum dafür lässt, warum wir überhaupt zu unserer Sicht gekommen sind.
Genau diesen Raum lassen wir anderen manchmal ebenfalls nicht.
Zwischen Urteil und Verstehen
„Niemand urteilt schärfer als der Ungebildete, er kennt weder Gründe noch Gegengründe.“– Anselm Feuerbach
Unabhängig davon, ob man einer anderen Sichtweise am Ende zustimmt, steckt darin ein interessanter Gedanke: Ein Urteil ist schnell gefällt. Gründe und Gegengründe zu betrachten, braucht mehr Zeit.
Vielleicht hat jemand Informationen, die wir nicht haben. Vielleicht wurden ähnliche Situationen ganz anders erlebt. Vielleicht liegen andere Werte zugrunde. Oder vielleicht gibt es tatsächlich gute Gründe, die gegen die Sichtweise der anderen Person sprechen.
Verstehen bedeutet nicht automatisch zustimmen.
Wir können nachvollziehen, wie jemand zu einer Überzeugung oder Entscheidung gekommen ist, und sie trotzdem anders sehen.
„Interessant – wie kommt derjenige darauf?“
Wenn du das nächste Mal bemerkst, dass in dir sofort ein „Das ist falsch“ auftaucht, könntest du einen kleinen Zwischenschritt ausprobieren:
„Interessant – wie kommt derjenige darauf?“
Nicht, um jede Meinung gutzuheißen. Und auch nicht, um die eigene Haltung aufzugeben.
Sondern zunächst aus Neugier.
Was könnte hinter dieser Sichtweise stecken? Welche Erfahrungen, Informationen oder Überzeugungen könnten dazu geführt haben? Gibt es etwas, das ich bisher nicht berücksichtigt habe?
Vielleicht verändert sich die eigene Meinung dadurch überhaupt nicht. Aber möglicherweise verändert sich die Art, wie wir auf die andere Sichtweise schauen.
Nicht alles muss gleichwertig sein
Weniger schnell zu urteilen bedeutet auch nicht, jede Aussage als gleichermaßen richtig oder sinnvoll anzusehen.
Manche Informationen sind schlicht falsch. Manche Verhaltensweisen haben negative Konsequenzen. Und manchmal ist es wichtig, klar zu widersprechen oder Grenzen zu setzen.
Der Unterschied liegt darin, ob wir etwas erst verstehen wollen, bevor wir es abschließend beurteilen.
Gerade bei Themen, bei denen es nicht nur eine eindeutige Antwort gibt, kann dieser kleine Abstand zwischen Wahrnehmung und Urteil hilfreich sein.
Ein kleiner Impuls für heute
Beobachte heute einmal, wann in deinem Kopf spontan ein „falsch“, „unverständlich“ oder „so macht man das doch nicht“ auftaucht.
Und bevor du bei diesem Urteil bleibst, frage dich:
„Interessant – wie kommt derjenige darauf?“
Oder auch: „Was weiß oder sehe ich möglicherweise noch nicht?“
Du musst deine Meinung danach nicht ändern. Vielleicht entsteht aber etwas mehr Verständnis dafür, warum jemand die Welt anders betrachtet als du.
Nicht alles, was anders ist, muss deshalb falsch sein.




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