Schubladendenken: Was sehen wir wirklich?
- coaching398
- 1. Mai
- 3 Min. Lesezeit
Kurze Impulse für den Alltag – Impuls #2
Schubladendenken
Unser Alltag steckt voller kleiner Momente, Gedanken und Begegnungen. Mit meiner Serie „Kurze Impulse für den Alltag“ möchte ich kleine Denkanstöße geben, die dazu einladen, genauer hinzuschauen, Gewohntes zu hinterfragen und neue Perspektiven zu entdecken.

Wir sehen, was wir erwarten zu sehen
Wir erleben jeden Tag unzählige Situationen, Eindrücke und Begegnungen. Und oft entsteht innerhalb weniger Augenblicke ein Bild davon, was gerade passiert.
Angenehm. Unangenehm. Interessant. Unwichtig. Vertraut. Merkwürdig. Sympathisch. Unsympathisch.
Manchmal braucht es erstaunlich wenig, bis wir etwas eingeordnet haben.
Ein Gesichtsausdruck. Eine bestimmte Haltung. Ein Satz. Eine Bewegung. Ein Tonfall. Eine Situation, die uns bekannt vorkommt.
Aus einzelnen Details entsteht schnell ein Gesamtbild. Dabei greifen wir auf unsere bisherigen Erfahrungen, Erwartungen und Vorstellungen zurück.
Doch sehen wir wirklich das, was da ist – oder manchmal auch das, was wir erwarten zu sehen?
„Die wahre Entdeckungsreise besteht nicht darin, neue Landschaften zu suchen, sondern mit neuen Augen zu sehen.“– Marcel Proust
Was wäre also, wenn wir nicht immer etwas Neues entdecken müssten – sondern das Bekannte einfach einmal mit neuen Augen betrachten?
Unsere Wahrnehmung ist nicht neutral
Wir nehmen unsere Umwelt nicht einfach nur wahr. Wir interpretieren und bewerten das, was wir sehen, hören und erleben.
Dabei spielen unsere bisherigen Erfahrungen, Erwartungen und Vorstellungen eine wichtige Rolle. Sie beeinflussen, worauf wir achten, welche Details uns auffallen und wie wir Situationen einordnen.
Das kann eine Begegnung mit einem Menschen sein, ein Gespräch, eine ungewohnte Situation oder etwas ganz Alltägliches. Oft entsteht sehr schnell eine erste Einschätzung: Das kenne ich. Das ist gut. Das gefällt mir nicht. Das wird bestimmt schwierig. So ist das eben.
Diese schnelle Einordnung hilft uns, uns im Alltag zurechtzufinden. Sie kann aber auch dazu führen, dass wir vor allem das wahrnehmen, was zu unserem bereits entstandenen Bild passt.
Wenn aus einer Einschätzung eine Schublade wird
Schubladendenken betrifft deshalb nicht nur unser Bild von anderen Menschen. Auch Situationen, Verhaltensweisen oder Erfahrungen können wir vorschnell einordnen.
Vielleicht gehen wir davon aus, dass ein Gespräch unangenehm wird, weil ähnliche Gespräche in der Vergangenheit schwierig waren. Eine neue Aufgabe erscheint kompliziert, noch bevor wir uns näher mit ihr beschäftigt haben. Oder wir schreiben einem Menschen bestimmte Eigenschaften zu und nehmen anschließend besonders die Verhaltensweisen wahr, die unsere Einschätzung bestätigen.
So entsteht schnell ein Kreislauf: Wir erwarten etwas – und achten unbewusst besonders auf das, was zu dieser Erwartung passt.
Dabei können Details verloren gehen, die nicht in unser bisheriges Bild passen.
Genau hinschauen statt vorschnell einordnen
Es geht nicht darum, jede Einschätzung infrage zu stellen oder Situationen ständig zu analysieren. Vielmehr können wir uns hin und wieder bewusst machen, dass unser erster Eindruck eben genau das ist: ein erster Eindruck.
Vielleicht lohnt es sich dann, Augen und Ohren noch ein wenig offenzuhalten.
Was passiert tatsächlich? Was wurde wirklich gesagt? Welche Details habe ich wahrgenommen? Und gibt es vielleicht etwas, das nicht zu meiner ersten Einschätzung passt?
Gerade hier kann eine wohlwollende und neugierige Grundhaltung einen Unterschied machen. Nicht sofort wissen zu müssen, wie etwas oder jemand ist, lässt Raum für weitere Eindrücke und neue Informationen.
Unsere Erfahrungen prägen unseren Blick
Und auch unsere eigene Perspektive bleibt nicht immer gleich.
Erfahrungen, Erlebnisse, Gedanken und Entscheidungen verändern uns. Unsere Umgebung beeinflusst uns ebenso wie die Menschen, mit denen wir Zeit verbringen. Tag für Tag kommt etwas hinzu – manchmal kaum merklich, manchmal sehr deutlich.
Was wir heute anders beurteilen als noch vor einigen Jahren, zeigt genau das.
Deshalb dürfen auch unsere Einschätzungen von Situationen und Menschen beweglich bleiben. Eine Erfahrung aus der Vergangenheit muss nicht bestimmen, wie wir eine ähnliche Situation heute erleben. Und ein Bild, das wir uns einmal von einem Menschen gemacht haben, muss nicht für immer dasselbe bleiben.
Neugierig bleiben
Vielleicht ist Neugier eines der schönsten Gegenmittel gegen vorschnelle Urteile.
Denn Neugier lässt Möglichkeiten offen.
Sie erlaubt uns, noch einmal hinzuschauen. Nachzufragen. Zuzuhören. Etwas zu entdecken, das nicht zu unserer bisherigen Vorstellung passt.
Besonders interessant wird es bei Gedanken wie:
„Das ist doch immer so.“
„Das wird sowieso nichts.“
„Typisch.“
„Ich weiß schon, wie das ausgeht.“
Genau dann können wir kurz prüfen:
Ist das tatsächlich so – oder erwarte ich gerade, dass es so ist?
Manchmal bestätigt sich unsere Einschätzung. Manchmal aber entdecken wir ein Detail, das nicht dazu passt. Und genau dieses Detail kann eine neue Perspektive eröffnen.
Ein kleiner Impuls für heute
Achte heute einmal darauf, wie schnell du Situationen, Begegnungen oder Eindrücke einordnest.
Wenn du merkst, dass dein Urteil eigentlich schon feststeht, bleib einen Moment neugierig.
Schau hin. Hör zu. Entdecke die Details.
Vielleicht ist alles genauso, wie du zunächst dachtest.
Vielleicht aber auch nicht.


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